Die 16 Goldenen Regeln

Beim Offenen Mikro der Lesebühne im Juli 2009 – aus der Reihe tanzend im M24 – hat uns Maria ein sehr schönes Geschenk gemacht. Nämlich den folgenden Text. Maria ist Wiederholungstäter und war bisher bei jeder Lesebühne von uns. Sogar bei der im August, die zufällig auf ihren Geburtstag fiel. Wow, sagen wir da, aber nicht nur wegen so viel Treue, sondern auch und vor allem wegen des äußerst amüsanten Regelwerkes. Wir sagen DANKE, Maria! (Die jetzt sogar unsere Haus- und Hof-Grafikdesignerin ist und unsere Flyer entwirft.) Und wünschen euch viel Spaß beim Lesen.Maria Engler
 

 

Die 16 Goldenen Regeln für den gelungenen Lauschgift-Auftritt

1. Bringe selbstgeschriebene Texte mit. Findest du nichts Passendes oder fällt dir nichts ein, zieh dir einfach aus einem Automaten ein Buch und lies daraus etwas vor. Klappt auch.

2. Nimm dir ruhig Zeit, um das Mikrofon genau auf deine Körpergröße und deine persönlichen Vorlieben einzustellen. Das erweckt den Eindruck, du wüsstest, was du tust.

3. Erwähne in deiner Vorrede, dass du den Text erst letzte Nacht um 3 Uhr – oder so – beendet hast. Das bringt dir einerseits die Anerkennung des Publikums, schließlich hast du deinen Schönheitsschlaf geopfert, um die Zuschauer zu erfreuen, andererseits lässt es dich besonders cool wirken, denn was ist lässiger: Nachteule oder Frühaufsteher?

4. Hat dein Text keinen Titel, sag nicht, dass er noch keinen Titel hat: Jeder weiß, dass er niemals einen bekommen wird.

5. Verwende – wenn möglich – Wörter. Bei etwas mehr Mitteilungsfreudigkeit dürfen es auch gerne mal Sätze sein. Bist du darin nicht so gut oder eher experimentell veranlagt, schrei dem Publikum einfach Silben oder auch einzelne Buchstaben ins Gesicht und lege eine überzeugende Performance hin.

6. Streue Schlagwörter wie „Ficken“ oder „Scheiße“ in deine Texte ein, das sichert dir kurzfristig die gesamte Aufmerksamkeit des Publikums. Außerdem wirkst du dann abgebrüht und cool.

7. Bist du mit einer Textseite am Ende, lasse sie möglichst lässig auf den Boden fallen.

8. Eine Gesangseinlage kommt immer gut an, der Respekt und die Anerkennung des Publikums werden dir sicher sein. Solltest du nicht singen können, ist das durchaus kein Hindernis, du solltest dich dann nur nicht so furchtbar ernst nehmen, sonst wird’s peinlich.

9. Arbeite ruhig mit anderen Autoren zusammen, vernetzt eure Gehirne und lasst die kreativen Energien fließen. Gesangseinlagen werden so auch für Schüchterne möglich.

10. Zieh dir möglichst auffällige Kleidung an, auch T-Shirts mit Aufdrucken wie „Döner macht schöner“ oder „Bier formte diesen Körper“ sind günstig, um die Aufmerksamkeit des Publikums auf dich allein zu ziehen. Erlaubt sind ebenfalls hässliche Schnauzbärte oder übergroße Piercings, wenn alles nicht hilft, einfach entkleidet die Bühne betreten, dann ist dir die Aufmerksamkeit sicher.

11. Wenn dir beim Hören der anderen Texte öfter mal lustig zumute ist, lass das ein oder andere laute und kurze Lachen hören, alle werden denken, du bist die einzige Person, die intelligent genug ist, um diesen versteckten Witz zu erkennen.

12. Vermeide es, auf der Bühne in deinen Unterlagen zu blättern, während deine Mitstreiter ihre Texte lesen, das könnte Teile des Publikums sowie die anderen Lesenden verärgern und dir möglicherweise auf ewig nachhängen.

13. Trinke auf der Bühne kein Bier. Solltest du es nicht lassen können, fülle es wenigstens in ein Bierglas.

14. Lass dich nicht von deinen herum spinnenden Freunden im Publikum ablenken, auch wenn sie noch so drastische Maßnahmen ergreifen.

15. Solltest du zusammengesackte, auf dem Boden liegende oder apathisch mit dem Kopf wippende Personen sehen oder Schnarchgeräusche im Publikumsraum hören können, sprich sehr viel lauter und wäge ab, ob die kommenden 15 Seiten Landschaftsbeschreibung wirklich sein müssen.

16. Versuche, deinem Text ein nettes Ende zu verpassen, vielleicht schlägst du einfach einen Bogen zum Anfang. Eine schöne Schlusspointe kommt immer gut an. Kann auch geklaut sein, siehe Regel 1.

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3 Gedanken zu „Die 16 Goldenen Regeln

  1. Maria Engler sagt:

    Hallo ihr Süßen,
    ich fühle mich sehr geehrt, dass mein Text es auf eure Seite geschafft hat, das ist sehr lieb und ich freue mich ganz dolle. Schön, dass er euch so gefallen hat, hab ich nur für euch gemacht.
    @ Basti: Wegen der Sache mit dem Bart musst du dich nicht beleidigt fühlen, DU sahst super aus! 😉

    • lauschgiftberlin sagt:

      Vielen Dank,

      ich versteh das dann einfach mal als Seitenhieb gegen meine wunderschöne Oberlippenbehaarung. Der Text ist trotzdem großartig und ich habe fast alle Regeln schon einmal befolgt bis auf zwei. Hach ja

  2. Basti sagt:

    Das ultimative Regelwerk und ein Muss für jeden Schreiberling. Es hat mich schon ein wenig getroffen, kann ich gestehen. Danke Maria =)

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